Nachdem schlussendlich doch einigermaßen viele Medien Wind von der Sache bekommen haben und darüber berichten, will ich mal den Versuch wagen, aus allem, was so geschrieben wird, ein großes Bild zu machen. Vermutlich wird ein Großteil auf Gerüchten und Spekulationen beruhen, was soll’s.
Stein des Anstoßes ist das Gut “Johannesberg”, gelegen am Alten Postweg, einer unbefestigten Straße mitten im Wald, die die kleine Ortschaft Rauen mit der Stadt Fürstenwalde verbindet. Das Areal ist 19,6 Hektar groß, mit Unterkunftshäusern und mit der alten Diskothek “Marmorscheune” als Tagungssaal.
(Foto: MAZ, dpa)
Der Kaufvertrag wurde bereits am 16. Mai unterschrieben. Käufer ist demnach eine Firma mit dem Namen “Starplattan” mit Sitz im schwedischen Gothenburg. Im Auftrag dieses Unternehmens erwarb Gonda Molau das 19,6 Hektar große Anwesen für 200 000 Euro, so steht es im Vertrag. Die 40-Jährige ist die Ehefrau von Andreas Molau, dem
stellvertretenden Chefredakteur der NPD-Zeitung “Deutsche Stimme”, der zudem Mitglied im Bundesvorstand der Partei und zuständig für Bildung ist. (Berliner Zeitung, 1.8.) Molau ist zufällig auch Inhaber von “Starplattan” in Schweden, wovon auch die eilige Umbennung der Firma in “Hof Johannesberg, Landhaus Rauen” und Verlagerung des Firmensitzes aus Jönköping nach Gothenburg (Schweden) nicht ablenken konnte, wie die schwedische Außenhandelskammer bestätigte. (MOZ, 30.7.)
Der Eigentümer der Immobilie, ein 83 Jahre alter und gesundheitlich angeschlagener Rentner, hat mit dem Verkauf an offenkundig rechtsextreme Kreise nichts zu tun. Auf Grund seiner hohen Schulden hatte eine norddeutsche Bank die Immobilie verwaltet und über einen Makler einen Käufer gesucht. Neben der schwedischen Aktiengesellschaft mit Sitz in Göteborg soll es weitere Interessenten gegeben haben – darunter auch einen Ökobauern, der angeblich ebenfalls bereit gewesen wäre, das Anwesen für etwa 200 000 Euro zu kaufen. Zum Zeitpunkt dieser Kaufgespräche vor einem Jahr habe die Bank allerdings noch auf einen Erlös von einer Millionen Euro gehofft. (LR, 31.7.)
Molau selbst war von 1996 bis 2004 als Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Waldorfschule in Braunschweig angestellt. Ihm wurde gekündigt, nachdem er einen Urlaubsantrag gestellt hatte, um eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag aufnehmen zu können. Eine Sprecherin des Niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz bezeichnete Molau als «intellektuellen Kopf der rechtsextremistischen Niedersachsen-NPD», der seine Fremdenfeindlichkeit hinter einer «Fassade von Ethnopluralismus» verberge. (pr-inside.com, 31.7.)
Die NPD beeilt sich, alle Vermutungen, sie könnte hinter dem Kauf stehen, zu dementieren. Man entwickelt gar reichlich zweifelhafte Begründungen, bis hin Molau’s Mitteilung, keineswegs sollten dort NPD-Kader geschult werden, sondern nun sei Molau “in der Lage, ein neues Waldorflandschulheim auf dem Gut ‘Johannesberg’ zu eröffnen”, und er titelte: “Rauen soll Waldorfschule erhalten” in seiner Pressemitteilung.
Mediennachfragen alarmierten den “Bund der Freien Waldorfschulen” in Stuttgart, dessen Geschäftsführer Christian Boettger solcherlei Vorhaben durchkreuzte: Der Verband habe “das Namensrecht schützen lassen, um Namensmissbrauch zu verhindern”. Molau sei demnach keineswegs in der Lage, ein derart benanntes Landschulheim zu eröffnen.
Dass schulische Einrichtungen in Deutschland beim zuständigen Landes-Bildungsministerium überdies beantragt und genehmigt werden müssen, war dem ehemaligen Lehrer Molau in der Eile wohl auch entgangen. Ein Pressegespräch folgte dem anderen, und Molau zeigte sich dabei in Bezug auf seine Pläne merkwürdig verwaschen. Gegenüber NDR Info sprach er von einem “Schulungs- und Ferienheim für ‘national gesinnte’ Familien ‘im Stile einer Waldorfschule’”, dann sprach er von einem “Bildungswerk für völkisch orientierte Familien”, und dem Tagesspiegel erzählte er von einer “Bildungseinrichtung mit Projekten im nationalen Bereich”. (redok, 31.7.)
Ordnungs- und bauordnungsrechtlich wären derartige Pläne einfacher durchzusetzen als die Errichtung eines regulären Schulbetriebs mit anerkannten staatlichen Abschlüssen. Der bestehende Flächennutzungsplan weist das Gebiet im Außenbereich von Rauen als “Sondergebiet Freizeit und Erholung” aus. Da auf dem Gelände bis vor zwei Jahren eine Diskothek betrieben wurde, ließe sich ein Ferienhof mit privatem Schulungsangebot unter Lärmschutzaspekten ordnungsrechtlich kaum verhindern. Anträge zu baulichen Veränderungen an den zehn Immobilien auf dem Gelände würden nach den üblichen Maßstäben geprüft, teilte die Landratsverwaltung Oder-Spree mit – und gab damit zu erkennen, dass die Möglichkeiten der Beschränkungen nach Baurecht ebenfalls begrenzt sind. (MAZ, 1.8.)
Dass in Rauen mehrfach der als Kroatien-Söldner erfahrene Berliner NPD-Chef Eckart Bräuniger gesichtet wurde, der gleich häufigere künftige Besuche angekündigt haben soll, will auch nicht recht zum weichgespülten Waldorf-Image passen, das Molau seinem neuen Besitz verpassen möchte. Bräuniger war vor drei Jahren schon mal zu einer Landpartie im Brandenburgischen unterwegs: ein Spezialeinsatzkommado der Polizei nahm ihn bei einer illegalen Wehrsportübung fest, wie die Märkische Allgemeine berichtet.
Am 31. Juli behauptete Molau, seinen Posten als stellvertretender Chefredakteur der NPD-Postille “Deutsche Stimme” habe er vor kurzem an den Nagel gehängt, um die unter einer schweren Finanzkrise darbende Partei zu entlasten. Deshalb müsse er sich nun um “eine berufliche Perspektive” kümmern. Tatsächlich aber war Molau bereits im November 2006 ausdrücklich mit der Maßgabe in das höchste Parteiorgan, das NPD-Präsidium, gewählt worden, “seinen Arbeitsschwerpunkt von der Deutschen Stimme in die Berliner Parteizentrale und das dortige neu errichtete Bildungszentrum” zu verlagern. Doch das im Hinterhof der Parteizentrale in Berlin-Köpenick angefangene “Nationaldemokratische Bildungszentrum” (NBZ) wird seit Jahren nicht richtig fertig, und so lässt sich der aktuelle Landgut-Kauf durchaus als Erfüllung des Partei-Beschlusses vom vergangenen November lesen. Dunkel blieb jedenfalls auch die Molau-Antwort auf die Frage des Tagesspiegel nach den Geldgebern für das Landgut, das immerhin rund 200.000 Euro gekostet hat und das noch mit einer Steuerschuld von 20.000 Euro belastet sein soll: “Investoren” seien da im Spiel.
(redok, 31.7.)
Der brandenburgische Verfassungsschutz hält sich unter Hinweis auf laufende Prüfungen bedeckt zu dem Immobilienkauf, jedoch wird das Anwesen „sicher rechtsextremistisch genutzt“, sagt ein Verfassungsschützer. Kollegen befürchten sogar, das Anwesen könne ein „Anlaufpunkt für die rechte Szene aus dem Bundesgebiet“ werden und „strukturbildend wirken“ – im Sinne der NPD, die mit einer weiter wachsenden Mitgliederzahl (aktuell mehr als 7000) das rechtsextreme Parteienspektrum dominiert. (Tagesspiegel, 31.7.)
Ähnliches hört man vom brandenburgischen Innenministerium: «Wir prüfen diese Hinweise, haben aber noch kein abschließendes Ergebnis», sagte ein Sprecher. Es gebe Indizien für einen Zusammenhang mit der NPD, die aber noch überprüft würden. Der Amtsdirektor des zuständigen Amtes Spreenhagen, Hans-Joachim Schröder, sagte, nachträglich beanstanden lasse sich der Verkauf nach seinen derzeitigen Informationen nicht. Die Gemeinde habe praktisch auch kein Vorkaufsrecht gehabt. Von einem Grundstück gehe grundsätzlich keine Gefahr aus, aber möglicherweise von Menschen, die dort handeln, sagte Kaden. Aufgrund «des Charakters der Partei» werde die Kreisverwaltung «genau hinschauen» und dem Amt Spreenhagen bei Bedarf Unterstützung gewähren. Kaden kündigte an, sich zügig mit anderen Landkreisen in Verbindung zu setzen, um zu erfahren, wie dort Neonazi-Aktionen begegnet wurde. (ad-hoc-news, 30.7.)
Noch steht der neue Eigentümer nicht im Grundbuch. “Aber verhindern werden wir das wohl nicht”, sagt Amtsdirektor Hans-Joachim Schröder. CDU-Generalsekretär Rolf Hilke äußert sich bestürzt. “Wenn sich die Gerüchte bewahrheiten, dann ist das entsetzlich”, sagt Hilke, der zugleich auch Vorsitzender der Christdemokraten im Landkreis Oder-Spree ist. Der Landkreis sei dann gefordert. Ein Schulungszentrum dürfe nicht genehmigt werden. Außerdem ist sich Hilke sicher, dass die Rauener der NPD im Falle eines Falles die kalte Schulter zeigen werden. “Ich glaube nicht, dass die Leute so etwas tolerieren würden.” (BZ, 1.8.)
Da kann er aber von ausgehen, Freunde…